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Der KI-Omnibus macht die Pflicht weicher. Nicht das Risiko kleiner.

Von Michael Höner 13. Mai 2026 4 Min Lesezeit
KI & VerantwortungCompliance
Two colleagues discuss an EU AI Act timeline on a whiteboard; a laptop shows a brain graphic with EU stars in the foreground.

Aktualisiert am 13.10.2026: Der Omnibus ist beschlossen. Dieser Beitrag beschreibt jetzt die endgültige Fassung.

Der KI-Omnibus nimmt formal Druck aus der KI-Kompetenzpflicht, ändert aber nichts daran, dass Unternehmen ohne saubere Schulung ein reales Risiko fahren – rechtlich und operativ. Die Frage verschiebt sich von „Sind wir verpflichtet?“ zu „Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?“.

Was steckt hinter dem KI-Omnibus?

Der „Digital Omnibus on AI“ war ein Änderungsvorschlag der EU-Kommission zur bestehenden KI-Verordnung (EU AI Act) und ist inzwischen beschlossen. Die Änderungsverordnung (EU) 2026/1744 gilt seit dem 27. Juli 2026. Ziel: Regeln vereinfachen, Bürokratie reduzieren und vor allem KMU entlasten, ohne den risikobasierten Schutzansatz über Bord zu werfen.

Der Omnibus ist Teil einer größeren Wettbewerbs- und Entbürokratisierungsstrategie der EU. Im Kern geht es darum, KI-Regulierung praxistauglicher zu machen: weg von theoretisch perfekten, aber schwer umsetzbaren Vorgaben, hin zu Vorgaben, die Unternehmen mit vertretbarem Aufwand erfüllen können.

Die zentralen Änderungen im Überblick

1. KI-Kompetenz: aus der Ergebnispflicht wird eine Bemühenspflicht

Bislang verpflichtete Artikel 4 der KI-Verordnung Anbieter und Betreiber, sicherzustellen, dass ihr Personal über angemessene KI-Kompetenz verfügt. Formal war das schon eher als Appell formuliert und nicht bußgeldbewehrt, aber klar als Arbeitgeberpflicht adressiert.

Der KI-Omnibus schwächt das ab: Anbieter und Betreiber müssen jetzt Maßnahmen ergreifen, um die KI-Kompetenz ihres Personals zu fördern. Gestrichen ist die Pflicht damit nicht. Der ursprüngliche Vorschlag, sie ganz auf Mitgliedstaaten und EU zu verlagern, hat sich nicht durchgesetzt. Kommission und Mitgliedstaaten sollen die Unternehmen dabei unterstützen, besonders KMU.

Für Arbeitgeber heißt das: weniger ausdrücklicher Regulierungsdruck. Aber die Verantwortung verschwindet nicht. Wer produktiv KI einsetzt, ohne die Leute zu befähigen, schafft sich an anderer Stelle ein Haftungs- und Qualitätsproblem.

2. Längere Übergangsfristen

Der Omnibus verschiebt den Beginn der Hochrisiko-Pflichten:

  • für eigenständige Hochrisiko-Systeme nach Anhang III auf den 2. Dezember 2027,
  • für KI in regulierten Produkten auf den 2. August 2028. Die Pflichten für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck (GPAI) gelten unverändert seit August 2025.

Unternehmen bekommen damit mehr Luft, um Dokumentation, Risikoanalysen, technische Anpassungen und Governance-Strukturen aufzubauen. Das ist relevant, wenn KI nicht nur als Pilot läuft, sondern tief in Prozesse, Produkte oder Personalentscheidungen hineinreicht.

3. Erleichterungen für Mittelstand und „Small Mid-Caps“

Ein klarer Schwerpunkt liegt auf Entlastungen für kleinere Unternehmen und „Small Mid-Caps“ (bis 750 Mitarbeitende oder 150 Mio. Euro Umsatz). Vorgesehen sind unter anderem:

  • vereinfachte Konformitätsbewertungen in bestimmten Konstellationen

  • reduzierte Dokumentationsanforderungen

  • teilweise abgesenkte Bußgelder

Die Botschaft: KI-Regulierung soll Mittelständler nicht davon abhalten, sinnvolle KI-Anwendungen überhaupt anzugehen. Gleichzeitig: Hochrisiko-Anwendungen bleiben reguliert, nur der Weg dahin wird pragmatischer.

4. Governance, Hochrisiko-KI und Sandboxes

Auch an der Governance-Struktur wird gedreht. Rolle und Zuständigkeiten des EU AI Office und das Zusammenspiel mit nationalen Aufsichtsbehörden sollen geschärft werden. Ziel: weniger Flickenteppich, mehr einheitliche Anwendung der KI-Verordnung in der EU.

Für Hochrisiko-KI sollen Anforderungen praxistauglicher werden, etwa bei Risikobewertung und technischer Dokumentation. Statt pauschalem Maximalanspruch geht es stärker um reale Risikosituationen.

Parallel stärkt der Omnibus regulatorische Sandboxes. Unternehmen können KI-Anwendungen in einem kontrollierten Rahmen testen, bevor die volle Regulierung greift. Das ist für Organisationen interessant, die ernsthaft experimentieren wollen, ohne im Blindflug unterwegs zu sein.

Stand des Verfahrens: beschlossen

Der KI-Omnibus ist beschlossen. Das EU-Parlament hat am 16. Juni 2026 zugestimmt, der Rat am 29. Juni 2026. Die Änderungsverordnung (EU) 2026/1744 wurde am 24. Juli 2026 im Amtsblatt veröffentlicht und gilt seit dem 27. Juli 2026.

Für die KI-Kompetenz heißt das: Artikel 4 gilt weiter, in der abgeschwächten Fassung. Unternehmen, die KI einsetzen, haben weiterhin eine eigene Pflicht, die KI-Kompetenz ihrer Leute zu fördern. Eine Pflichtschulung mit Nachweis für jeden verlangt das Gesetz nicht.

Was bedeutet das für Arbeitgeber?

Die abgeschwächte KI-Kompetenzpflicht klingt nach Entlastung. In der Praxis sollte sie aber kein Argument sein, Schulungen einzusparen oder Projekte auf „Selbststudium“ umzustellen.

Drei Punkte sind entscheidend:

  1. Haftung hört nicht auf, nur weil die Regulierung weicher wird.
    Wenn ungeschulte Mitarbeitende KI-Systeme falsch nutzen und dadurch Schäden entstehen, steht schnell die Frage im Raum, ob die Organisation ihre Sorgfaltspflichten erfüllt hat. Die KI-Verordnung ist dann nur ein Baustein in der Bewertung – Arbeitsrecht, Zivilrecht und interne Compliance spielen genauso mit hinein.

  2. Ohne Kompetenz wird KI ineffizient oder gefährlich eingesetzt.
    Mitarbeitende, die Funktionsweise, Grenzen und Risiken von KI nicht verstehen, neigen entweder zu blindem Vertrauen („die KI wird schon recht haben“) oder zu genereller Ablehnung. Beides ist schlecht: Entweder entstehen Qualitäts- und Sicherheitsprobleme, oder die Investition in KI verpufft.

  3. KI-Kompetenz ist ein Wettbewerbsfaktor, keine Strafmaß-Vermeidungsmaßnahme.
    Unternehmen, die ihr Personal strukturiert qualifizieren, integrieren KI schneller, stabiler und nachvollziehbarer. Sie können Kunden, Aufsichtsbehörden und Mitarbeitenden erklären, was das System tut – und warum. Das ist in vielen Branchen längst ein Differenzierungsmerkmal.

Kein Freibrief, sondern ein Stresstest für Governance

Der KI-Omnibus markiert einen Kurswechsel: weg von der Idee, KI-Kompetenz über harte Pflichten zu erzwingen, hin zu mehr Eigenverantwortung und staatlicher Förderung. Für Arbeitgeber ist das bequem – und gleichzeitig ein Stresstest.

Wer KI heute ernsthaft einsetzt, sollte bestehende Schulungskonzepte, KI-Governance-Strukturen und Richtlinien nicht abbauen, sondern konsolidieren und gezielt weiterentwickeln. Der regulatorische Druck mag nachlassen. Die Verantwortung für sauberes, nachvollziehbares und sicheres Handeln bleibt bei Ihnen.

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